landschaften


Carles Castels großformatigen Ölgemälde sind Bilder, die den Betrachter verweilen lassen. Wie von einer unsichtbaren Magie geführt, laden sie zu genauem Hinschauen ein. Die warmen, meist schnell, dynamisch und vielfach pastos aufgetragenen Farbtöne addieren sich in stimmungsgeladenen Farbinseln und kommunizieren dabei zart miteinander.

Solche harmonisch angelegten Farbspiele vermitteln dem Betrachter die Vorstellung von unbekannten und geheimnisvollen Landschaftsvisionen. Es sind Stimmungslandschaften, die während des Malprozesses vor dem inneren Auge des Künstlers entstanden sind. Die helle, lichte Farbwahl der meist ins Braune, Grüne und Blaue getauchten Töne skizzieren durch ihren vorwiegend horizontalen Pinselverlauf das Empfinden einer Verbindung zwischen Erdverbundenheit und Traumbild.

Aufeinander aufbauend, herrschen warme, ockrig-helle und blaue Töne vor. Sie erzeugen die Illusion von gleißenden, mit dem Himmel vermählten Horizonten. Eine von Carles Castels großen Stärken liegt in den überaus poetischen Formulierungen von unendlichen Weiten. Man denkt, in manche seiner Landschaften vertieft, unvermittelt an Goethes Bild einer Fata Morgana im Diwan: "Blau, hinter Wüst und Heere, der Streif erlogner Meere".

Leicht vermitteln seine Landschaften die Vorstellung von einer atmosphärischen, schier unfassbaren Weite, die nach Unendlichkeit strebt und sich durch die fein abgestimmte, sich subtil ergänzende Farbwahl mit dem Himmel vereint. Diese sich wiederholenden, oft pastos aufgetragenen Farbspiele verleihen seinen Bildern eine visuelle Kraft, die immer wieder zu Einheit und Verbundenheit strebt.

Mit diesen Mitteln thematisieren die Landschaftsbilder von Carles Castel in einzigartiger Weise eine Spannung zwischen Nähe und Weite, dem Fassbaren und Unfassbaren und von Diesseits und Jenseits. Und zugleich erkennt man in den Bildern den Wunsch des Künstlers, diese Spannungen in einer malerischen Harmonie aufzulösen und miteinander zu versöhnen.

Thematisch inspiriert wurde der aus Barcelona stammende Künstler zu diesen Bildern durch den in seiner Heimatstadt allgegenwärtigen Blick auf das Meer, der seine Sehnsüchte seit seiner Jugend begleitet und geprägt hat. So wie sich das gleißende Licht in seinen Erinnerungen sanft auf dem Meer verteilt, so formuliert sein Pinselduktus intensive, fließende und dabei stets harmonischen Farblandschaften.

Dabei liegt die Raffinesse seiner Bilder in einer besonderen, individuellen Mischung aus einer abstrakten und einer impressionistisch wirkenden Maltechnik. Ohne erkennbare Grenzverläufe addieren sich locker lavierende und kraftvoll gestrichene, neben- und gegeneinander gesetzte Farbeninseln und kreieren so den Eindruck von natürlichen und zugleich unbekannten Atmosphären.

Alle Landschaften von Carles Castel sind von Menschen unbelebt. Sie spiegeln in unserer immer enger werden, urbanisierten Welt die oft unbewussten oder verdrängten Emotionen und Sehnsüchte nach Harmonie, nach Schönheit und der Weite der Natur wider.


text: Felizitas zur Lippe | fotografie: Michael G. Gromotka