siluetas (silhouettes)


Einen weiteren Schwerpunkt im Werk von Carles Castel bilden seine faszinierenden „Siluetas“. Die Silhouetten sind alle in einer Mischtechnik aus Tinte und Aquarellfarben auf Aquarellpapier ausgeführt.

Die Blätter zeigen alle, das Bildfeld zentral dominierend, den Umriss von einer oder zwei Silhouetten. Vordergründig erinnern sie an die im 18. Jahrhundert vor allem in Deutschland sehr beliebte und verbreitete Kunst des Scherenschnitts und Schattenrisses. Im Zuge freundschaftlicher Verbundenheit wurden diese individuellen Portraits vielfach ausgetauscht und gesammelt.

Auf den ersten Blick avisieren die getuschten Umrisse Gedanken an diese dem Künstler gut vertraute Tradition. Anders als diese jedoch sind die Silhouetten nicht nach einem individuellen Vorbild geschaffen. Sie entstanden aus der Phantasie des Künstlers und wirken damit wie Schatten seiner Vorstellungen.

Mit einer mit abstrakten Elementen verbundenen Formensprache interpretiert Carles Castel seine Köpfe als Zentrum realer und irrealer Wahrnehmungswelten. Spiegelbildlich dazu öffnen sich die Umrissformen für durchscheinendes Licht, welches als Quelle abstrakter Formgebung dient. Die so gemalten Köpfe treten in ihrer Wahrnehmung aus den gewohnten Erfahrungswelten heraus. Dabei dient auch Ihre differenzierte Farbigkeit als Hinweis auf die künstlerischen Eingebungen des Malers.

Allen Silhouetten ist eine hohe Konzentration und in sich ruhende Vertiefung zu eigen. Wie Büsten dokumentieren sie eine schattenhafte Präsenz in den ihnen zugedachten Raumgefügen. Dabei hat der Maler den Raum um die zentrierten Silhouetten auf raffinierte Weise in einer waagerechten und einer horizontalen Lesart interpretiert.

Mit abstrakten, netzartig verlaufenden Farbbändern und farbigen Lichteinfassungen verleiht er den Köpfen einen stabilisierenden und zugleich belebenden Rahmen. Das meist über die Hinterköpfe einwirkende, gold-gelb strahlende Licht tritt dabei in einen kraftvollen Kontrast zu dem das Zentrum beherrschenden Kopf.

Darüber hinaus ergänzt der Künstler die Silhouetten mit feinen, waagerechten Schraffuren um einzelne Naturelemente. Zu sehen sind hier farbige Lichter und an Seen, Wasserfälle, Landschaften und Bäume gemahnende Ausdrucksformen. Diese Naturverweise können sowohl beruhigend und harmonisierend als auch beängstigend und beklemmend wirken. Sie dienen als Spiegel seelischer Empfindungen und Sehnsüchte der dargestellten Figur. So suggerieren kräftige grüne Nadelbäume mit starken Baumstämmen Stabilität. Anders dagegen die eng vor- und gegeneinander gelehnten Äste: Sie lassen die auf ihnen plazierten weißen Silhouetten wie ein Gefängnis wirken; nur das hindurchdringende Licht vermag Hoffnung zu spenden.

Zugleich verleihen die feinen, dünnen Zeichnungen von kleinen, humorvollen Wesen oder spiralförmigen Sonnengebilden den Bildern eine unerwartete Leichtigkeit.

Von besonderer beeindruckender Spannung sind auch die Doppelportraits. Der Künstler zeigt hier farblich differenzierte Silhouetten, in sehr enger Positionierung. Indem die Figuren im Bild nebeneinander oder aufeinander aufliegen und auseinander herauswachsen, ergründet der Maler unterschiedliche Ausprägungen enger Verbindungen zwischen zwei Menschen.

Die meist gegensätzliche Positionierung der Gesichter verhindert indes jede Art von Dialog. Carles Castel thematisiert damit das in unser Gesellschaft so allgegenwärtige Thema der Einsamkeit und das der Einsamkeit in der Zweisamkeit.

Seine neueren Silhouetten streben stärker denn je nach Auflösung der Flächen und Formen. Sie drängen zur lichten Abstraktion.

Farbnetze liegen nun über den nur noch schematisch angedeutet auf den Silhouetten auf. Ihre dünnen Farbverläufe, die in alle Richtungen auf den Silhouetten aufliegen oder scheinbar aus ihnen heraus laufen, verleihen den Bilder neue raffinierte Raumgefühle, die eine neue scheinbare Dreidimensionale erreichen. Auch kommt es zu Experimenten mit neuen Bildträgern, die in eine neue Dimensionen von Carles Castels Oeuvre veweisen.


text: Felizitas zur Lippe